Klassische Herrenmode und das süße Leben.



Der Gentleman – Ein Kommentar

Der Begriff „Gentleman“ unterliegt seit ein paar Jahren einer unglaublichen Inflation. Es gibt etliche Gentleman Blogs, Gentleman Shops und Bücher über Gentlemen. Insbesondere wenn man sich – wie ich – mit Herrenkleidung beschäftigt, führt kein Weg an diesem Begriff vorbei.

Aber was macht einen Mann zum Gentleman? Das ist wohl Ansichtssache. Meinen Senf gebe ich dazu im Folgenden ab. Dieser beinhaltet allerdings keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit.

Die inneren Werte

Obwohl es in meinem Blog meistens um Kleidung geht, beschreibt das Wort „Gentleman“ für mich vor allem eine Geisteshaltung. Eine schöne, knackige Definition ist für mich: Jemand in dessen Gesellschaft man sich stets wohlfühlt.

Diesen Anspruch erfüllt man vor allem mit Dingen wie Höflichkeit, Umsicht und Toleranz. Daraus lässt sich so einiges ableiten. Der Klassiker ist wohl jemandem die Tür aufzuhalten oder den Sitzplatz in der Bahn anzubieten. Leider scheitern bereits viele an diesem Mindestmaß an Umgangsformen. Dabei gibt es weitere, ähnliche Punkte, die noch weniger Beachtung finden.
Beispielsweise bleibt man auf einer Rolltreppe nur rechts stehen, damit diejenigen, die es eilig haben, links vorbeigehen können. In Großbritannien funktioniert das wunderbar und die Briten verweisen zurecht mit Stolz auf diesen Umstand.

Vor offenen Zugtüren macht man übrigens Platz für die Aussteigenden bevor man sich wie ein Geier auf die freien Sitzplätze stürzt. Der geneigte Leser merkt, dass ich regelmäßig den Schienenverkehr nutze. Nichtsdestotrotz lassen sich auch im Verkehr auf dem Bürgersteig, der Straße und in der Luft viele Möglichkeiten finden, um als umsichtiger Gentleman zu glänzen.

Gentle und nicht soft

Rechthaberei ist eine Eigenschaft, die ich ausgesprochen unangenehm finde. Sie passt, meiner Meinung nach, so gar nicht zu einem Gentleman. Niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet. Jeder kann auch mal daneben liegen. Benehmt euch entsprechend! Wann ist den Menschen diese Qualität bloß abhanden gekommen?

Auf der anderen Seite steht der „Ehrenmann“ (für mich eine passable Übersetzung ins Deutsche) zu seiner Meinung und vertritt sie entschieden, aber mit durchdachter Wortwahl. Denn es heißt Gentleman und nicht Softman. Mit Entschiedenheit ist jedoch auch nicht die Gesprächslautstärke gemeint. Niemand überzeugt sein Gegenüber mit Geschrei oder einer despektierlichen Ansprache.

Ich vermisse gerade in politischen Debatten schmerzlich, die Fähigkeit sich noch anständig streiten zu können. Nach heutigen Maßstäben ist Joschka Fischers Ausspruch „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ noch ein Paradebeispiel für Höflichkeit.

Einbildung ist keine Bildung

Darüber hinaus finde ich Bildung sehr wichtig. Genauso wichtig ist, dass man seine Bildung niemandem auf die Nase binden sollte. Man entschuldige meine Wortwahl: Klugscheißer und Korinthenkacker gehören für mich also eher nicht zur Gattung Gentlemen.

Meine Mutter hat mir damals schon auf den Weg gegeben: „Junge, guck, dass du was lernst. Denn das was du im Kopf hast, kann dir keiner mehr wegnehmen“.

Ein gesundes Maß Eitelkeit

Aus der Summe der inneren Werte ergeben sich selbstverständlich Auswirkungen auf das äußere Erscheinungsbild. Dieses kann allerdings vielfältiger ausfallen als so mancher im ersten Augenblick denkt. Was ich damit ausdrücken möchte? Ein Gentleman läuft nicht zwangsläufig den ganzen Tag im Anzug herum!

Im Gegenteil, ich finde zum manierlichen Auftreten gehört es, sich in gewissem Maße an Umstände anpassen zu können. Wenn Freunde ihre Hochzeit feiern und es keinen Dresscode gibt, dann sollte man nicht im Cutaway erscheinen. Denn der Cut wäre in diesem Fall nichts anderes als modische Rechthaberei.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass man die gesellschaftlichen Kleidungsregeln als Gentleman kennen und sich allein aus Respekt an ihnen orientieren sollte. Es ist immer Platz für einen Regelbruch. Er sollte sich allerdings im Rahmen halten. Bequemlichkeit ist ein Argument, darf aber keine Priorität besitzen.

Titelfoto von der Lichtsammlerin

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1 Kommentar

  1. Jacobus Z! 7. Dezember 2018

    Es gibt Begriffe, die man nicht „eins zu eins“ übersetzen kann, sondern denen man sich nur annähern kann. Der „Gentleman“ gehört auch zu ihnen, da er seinen Ursprung eben in der angelsächsischen Welt hat, präziser: in der Welt Englands. Darin ähnelt der „Gentleman“ seinem flatterhaften Bruder, dem „Dandy“ und seinem kotzbrockigen Cousin, dem „Snob“ – ebenfalls Begriffe, bei denen man im Deutschen nur Teilübereinstimmungen findet. Der von Dir erwähnte „EHRENMANN“ ist schon ein gutes Teilsynonym, denn ein Gentleman, der kein Ehrenmann ist, der ist einfach kein Gentleman. Umgekehrt stimmt das aber nicht: ein Ehrenmann muß nicht unbedingt auch ein Gentleman sein. In den Sinn kommt auch der „KAVALIER“ – meist in der Form „Kavalier alter Schule“ (gibt’s auch einen „neuer Schule“?), doch dieser Begriff verengt den Fokus zu sehr auf galante Umgangsformen, auf Handkuß , Türaufhalten und Flanierstöckchen. Oder auch der „GRANDSEIGNEUR“, doch darunter stellt man sich vor allem einen würdevollen und durchweg älteren Herren vor (und wir würden ohnehin nur ein Fremdwort mit dem nächsten erklären).

    Doch ein anderer deutscher Begriff liegt da näher. Für meinen Großvater war es das schlimmste Verdammungsurteil, wenn er jemandem attestierte, der X oder Y sei „einfach kein HERR“. Allerdings geht dem „Herrn“ etwas ab, das zumindest ich mit dem „Gentleman“ auch verbinde: Humor und augenzwinkernde Selbstironie, vielleicht auch eine gewisse weltmännische Gelassenheit – der Herr ist gewissermaßen die etwas steifleinene deutsche Variante des Gentleman. Dennoch, bei „Gentleman – Herr“ scheinen mir die Schnittmengen am größten zu sein: Diskretion und gute Manieren; gepflegtes Äußeres und gepflegte Sprache; Belesenheit und Bildung; konzilianter Umgang und ehrenhaftes Handeln; kein Intrigantentum, stattdessen Kampf mit offenem Visier; Übereinstimmung von Reden und Tun; keinerlei Standes- oder Bildungsdünkel; nicht nur Loyalität, sondern auch Treue (was ja nicht dasselbe ist).

    Du hast völlig Recht: der „gentleman“ darf zwar auch ein „gentle man“ sein, aber er darf vor lauter Konzilianz und Höflichkeit nicht zu einem „Weichei mit Seidenkrawatte“ verkommen. Insofern geht mir der berühmte Essay von Kardinal Newman über den Gentleman dann doch schon zu sehr in Richtung „Heiliger“ („he is one who never inflicts pain“.)
    Für mich nach Erscheinung, Auftreten und Charakter eine Verkörperung eines heutigen Gentleman-Ideals ist der britische Tory-Abgeordnete JACOB REES-MOGG („The Honourable Member for the early 20th century“), der hierzulande durch die Brexit-Diskussion ja auch bekannt geworden ist. An ihm sieht man, daß es eben nicht nur um gepflegte Kleidung, Umgangsformen und ein wirklich elegantes Englisch geht (es lohnt, mal ein YT–Video von ihm zu sehen). Der Gentleman besitzt eben auch Tapferkeit und – was viel seltener ist! – Zivilcourage. Er muß eben auch mal mit Andreas Hofer rufen: „Mander s’ischt Zeit!“. Wie titelte die „Welt“ vorige Tage über Rees-Mogg: „Dieser Mann war schon als 19jähriger eine Kriegserklärung“.

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