Klassische Herrenmode und das süße Leben.



Maßanzug, Maßkonfektion und Stangenware

Immer wieder stolpert Mann beim Anzugkauf über dieses Zauberwort: Egal, ob Maßschneiderei, „nach Maß“ oder „maßgeschneidert“ – es kommt auf das richtige Maß an. Überall möchte man uns ganz individuell und passgenau Kleidung verkaufen. Doch was verbirgt sich hinter diesen schwammigen Begrifflichkeiten?

Die Stangenware

Wenn ich als Ottonormalverbraucher das nächste Kaufhaus aufsuche, dann wird man mir, mit hoher Wahrscheinlichkeit, einen Anzug von der Stange verkaufen wollen. Dabei klingt „von der Stange“ schlimmer als es ist. Der englische Begriff Ready To Wear (kurz RTW) wirkt dagegen positiver.

Die Produktion nach vorgefertigten Schnittmustern ist eine effiziente und kostengünstige Art hochwertige Kleidung herzustellen. Vorausgesetzt man arbeitet sorgfältig und mit entsprechenden Materialien.

Dunkelbrauner Dreiteiler aus Hahnentritt-Tweed. Dazu Ballonmütze und Gehstock.

Angepasster Dreiteiler von der Stange.

Je nach Figur, funktioniert das bei manchen Männern besser als bei anderen. In jedem Fall sagt eine alte chinesische Bauernweisheit, dass man 10 bis 20 Prozent des Anzugpreises als Zusatzkosten beim Änderungsschneider einplanen sollte. Zudem sollte man darauf achten, dass die Schulterbreite und die Jackettlänge passen, denn diese beiden Maße sind nachträglich nicht mehr zu ändern. Für die meisten anderen Stellen gibt es einen gewissen Anpassungsspielraum.

Die Maßkonfektion

Wenn ein vorgefertigtes Schnittmuster auf die Kundenmaße angepasst wird bevor es an die eigentliche Näharbeit geht, dann spricht man von Maßkonfektion (engl. Made To Measure, kurz MTM). Konfektioniert ist hier also lediglich die Schnittmustervorlage.

20er Jahre Outfitbeispiel für Gangster "Al Capone".

Dreiteiler aus Maßkonfektion

So kann beispielsweise die Länge des Jackettärmels optimal bestimmt werden, denn durch die Jackettärmelknöpfe ist der Spielraum für Anpassungen bei Stangenware begrenzt. Muss der Ärmel stark gekürzt werden, sind die Knöpfe sozusagen im Weg. Muss der Ärmel deutlich verlängert werden, dann sitzen die Knöpfe zu weit vom Ärmelabschluss entfernt. Mit Maßkonfektion umgeht man solche Probleme.

Echte Maßanzüge

Die Herstellung eines echten Maßanzugs (engl. Bespoke) ist von Anfang an vollständig individuell. Bereits die Schnittmusterkonstruktion orientiert sich an den Maßen und der Figur des Kunden. Außerdem gehören zu diesem Prozess mehrere Anproben (mindestens zwei, meistens drei). Das Ergebnis ist die optimale Passform.

Das alles erfordert ein gutes Auge, viel Erfahrung und viel Zeit. Das ist der Grund warum ein Maßanzug so viel Geld kostet. Maßschneider Sebastian Hoofs aus Köln rechnet in seinem Blog vor warum das so ist. Mein Fazit: Gute Handarbeit hat eben ihren Preis.

Handpikiertes Jackett-Frontteil

Innenseite einer handpikierten Jackett-Front, noch ohne Futter. Aufgenommen bei Maßschneider Sebastian Hoofs.

Unabhängige Details

Es gibt außerdem einige Details, die gerne mit Maßschneiderei in Verbindung gebracht werden. In Wahrheit sind diese Details jedoch unabhängig. Echte Maßanzüge verfügen beispielsweise immer über funktionierende Jackettärmelknöpfe. Dieses Detail lässt sich aber auch an einem Anzug von der Stange oder aus Maßkonfektion realisieren. Dasselbe gilt für die Verarbeitung als Half- oder Full-Canvas, bei der die Einlagen im Jackett vernäht statt verklebt werden.

Jackett-Front in Full-Canvas-Konstruktion.

Jackett-Front in Full-Canvas-Konstruktion. Aufgenommen bei Maßschneider Sebastian Hoofs.

Fazit

Für welche der drei Varianten man sich entscheidet, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu sollte man sich ein paar Fragen stellen: Wie gut passt mein Körper in Konfektionsware? Wie ausgefallen sind meine Wünsche? Wieviel ist mir die perfekte Passform wert?

Konfektionsware findet man beispielsweise bei Charles Tyrwhitt*. Wer eine etwas schwierigere Figur oder spezielle Wünsche hat wird möglicherweise eher bei einem Maßkonfektionär wie Hockerty* glücklich. Die perfekte Passform findet man dagegen nur bei echten Maßschneidern wie z.B. Sebastian Hoofs in Köln.

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