Klassische Herrenmode und das süße Leben.



Der Stresemann aka Bonner Anzug

Der Stresemann löste in den 1920er Jahren den Cut als formelle Tagesbekleidung ab. Heutzutage ist der Stresemann – im Gegensatz zum Cutaway – jedoch gänzlich ausgestorben.
Er besteht aus einem schwarzen Jackett, einer grauen Weste und einer grauen, gestreiften Hose. Dazu werden üblicherweise eine schwarze oder graue Krawatte sowie schwarze Schuhe kombiniert. Ein semi-formeller oder formeller Hut wie Melone, Homburg oder Zylinder ist optional, genauso wie ein Gehstock.

Bequemlichkeit

Bis in die 1920er Jahre hinein galt der Cutaway unumstritten als der  große Gesellschaftsanzug des Tages, d. h. die übliche Tagesbekleidung für formelle Anlässe. So wie der Frack dem Smoking als formelle Abendgarderobe weichen musste, wich dann auch der Cut dem Stresemann – und zwar aus Bequemlichkeitsgründen. Denn der entscheidende Unterschied zwischen Cut und Stresemann ist das kürzere (und damit alltagstauglichere) Jackett.

Stresemann mit Edelweiß-Boutonniere und schwarzer Melone

Stresemann mit Edelweiß-Boutonnière und schwarzer Melone. Foto von Kamerakata.

Keine Wiederbelebung

Während der Cutaway zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten ein gewisses Revival erlebt, bleibt der Stresemann – auch bekannt als Bonner Anzug – praktisch ausgestorben. Ich denke, das hat folgende Gründe:
Zunächst einmal setzt sich der Cut durch den anderen Jackettschnitt deutlicher vom heutigen Tagesanzug ab – eine willkommene Abgrenzung für die eigene Trauung.

Darüber hinaus wird der Stresemann-Look  gerne mit Dingen assoziiert, die ihn eher unattraktiv machen. In Kombination mit Gehstock und Melone sieht man beispielsweise schnell wie Pan Tau aus, die Hauptrolle der gleichnamigen Kinderserie der 1970er Jahre. Alternativ wird man im Bonner Anzug gerne für einen Hotel-Bediensteten oder Kellner gehalten. Schade eigentlich!

Kaufempfehlungen

Wer sich dennoch einmal am Stresemann probieren und nicht in überteuerten Modegeschäften für den Bräutigam suchen möchte, kann sich seinen Look auch selbst zusammenstellen wie eingangs beschrieben. Gute Adressen dazu sind der lokale Herrenaustatter und Online-Maßkonfektionäre wie Hockerty*. Während die abgebildete Melone ein glücklicher Flohmarktfund war, bekommt man einen solchen Gehstock sehr einfach und auf die eigene Körpergröße zurechtgeschnitten bei Cavagnini aus Italien*.

Beitragsbild von Kamerakata.

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2 Kommentare

  1. Jacobus Z! 17. Oktober 2018

    Ich selber verbinde mit dem Stresemann stets die Erinnerung an den letzten „regulären“ Stresemann-Träger, den ich kannte: ein steinalter Großbauer im Heimatort meiner Familie, der im Dorf auch passenderweise nur „d‘r Stresemann“ genannt wurde, weil man ihn auf der Straße (gefühlt) nie anders als mit Stresemann, gewienerten Schuhen und Homburg sah – schon in meiner Kindheit ein auffallender Anblick. Des Rätsels Lösung: er gehörte seit jungen Jahren einer der früher verbreiteten katholischen Sterbebruderschaften an, die dafür Sorge trugen, daß wirklich kein Verstorbener alleine unter die Erde kam. Wann immer man ihn sah, ging er also gerade zum Friedhof oder kam zurück. Er hat aber nicht nur Alleinstehende und Vereinsamte auf dem letzten Weg begleitet, er ist über Jahrzehnte zu wirklich jeder(!) Beerdigung im Dorf gegangen. Das Dorf hat es ihm vergolten: als „d’r Stresemann“ dann selber Ende der 1980er Jahre mit über 90 starb, war es die größte Beerdigung, die das Dorf je gesehen hatte.
    Als ich vor Jahren bei einer Hochzeit im Cut erschien, der Bräutigam aber in einem Anzug, habe ich mich unbehaglich gefühlt, da ich ihm ja nicht „die Show stehlen“ wollte. Da ist der Stresemann eine gute Alternative: eine Zwischenform zwischen einem dunklen Anzug und dem Cut. Man ist auf jeden Fall angemessen und – mit gestreifter Cuthose und Weste – förmlich gekleidet, aber eben nicht „overdressed“. Zudem ist der Stresemann ein „Multitalent“: er eignet sich sowohl für freudige Anlässe wie Hochzeiten (helle Krawatte, helle Weste) als auch für Beerdigungen und Trauerfeiern (schwarze Krawatte, schwarze Weste). In England hat er noch etwas länger überlebt. Dort habe ich ihn noch bis in die 1980er Jahre als ganz normale „Arbeitskleidung“ in der Londoner City und bei Gericht gesehen, mitunter noch komplett mit Bowler.
    Daß der Stresemann nach einem Burschenschafter benannt ist, macht ihn mir natürlich noch sympathischer… und so ist es doch gerade in unseren Kreisen an der Zeit, ihn „wiederzubeleben“.

  2. Eva 4. Juli 2018

    So kann man sich irren. Ich hätte auf den Vatermörder getippt als Grund, den Stresemann nicht mehr zu tragen. Musste aber gerade beim nachlesen erkennen, dass es den auch schon voher gab. Danke für die Aufklärung!

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