Klassische Herrenmode und das süße Leben.



Vintage Bespoke: Mein erster Maßanzug Teil 1/3

Meine Freude ist riesig. Ich beginne mit diesem Blogbeitrag ein absolutes Herzensprojekt zu dokumentieren: Mein erster, echter Maßanzug. An anderer Stelle hatte ich bereits den Unterschied zwischen Maßkonfektion und echter Maßschneiderei erklärt. Es geht hier also um die alte Schule der Maßschneiderei – Bespoke! Ich freue mich, dass Sebastian Hoofs höchstpersönlich mir den Traum eines Anzugs nach einem Schnitt der 20er Jahre erfüllt.

In meiner dreiteiligen Beitragsreihe zu diesem Projekt, möchte ich euch an meiner Faszination für die Maßschneiderei und die Herrenmode dieser Zeit teilhaben lassen. Bislang habe ich mich damit beschäftigt, nach modernen Maßstäben gefertigte Anzüge „alt aussehen“ zu lassen. Hier wird es nun richtig authentisch.

Reiseplanung

Zunächst einmal sollte man sich beim Kauf eines Anzugs immer fragen, was man damit überhaupt vor hat. Zuerst zu welchen Anlässen er getragen werden soll, dann ggf. zu welcher Jahreszeit und schlussendlich in welche Stilrichtung es gehen soll.

Ich habe für mich festgelegt, dass ich den Anzug im Büro (in dem kein Dresscode herrscht) und im Alltag tragen möchte. Da meine Garderobe von Wollflanell und Tweed dominiert wird, möchte ich zur Abwechslung einen Sommer-tauglichen Anzug. Stilistisch habe ich schon seit langem mit den Tagesanzügen der frühen 20er Jahre geliebäugelt. Ganz konkret bewundere ich die Werbeanzeigen vom früheren, amerikanischen Modehaus Kuppenheimer, die sehr oft von Joseph Christian Leyendecker illustriert wurden. Leyendecker war ein deutscher Auswanderer aus Montabaur, der neben den Werbeanzeigen für Kuppenheimer, auch einige Magazincover für die Saturday Evening Post gestaltet hat.

Die Stoffe

Da der Anzug auch bei höheren Temperaturen angenehm zu tragen sein soll, ist es erstmal wichtig einen geeigneten Stoff zu finden. Sebastian hat mich auf das französische Textilunternehmen Dormeuil aufmerksam gemacht, mit deren Stoffen er besonders gerne arbeitet. Die Tuche von Dormeuil werden in der englischen Textilmetropole Huddersfield gewebt und bei einem Händler aus Huddersfield wurde ich dann auch zu einem guten Preis fündig.

Ausgewählter Stoff von Dormeuil mit passendem Damast-Futterstoff

Ausgewählter Stoff von Dormeuil mit passendem Damast-Futterstoff

Die Wahl fiel auf einen 260g/lfm (Gramm pro Laufmeter) Wollstoff aus stark gezwirnten Garnen. Also ein sehr leichtes Tuch mit einer guten Standhaftigkeit, die für die Vintage-Optik wichtig ist. Das Dessin ist mit einer Anthrazit-Dunkelgrau-Goldbraunen-Streifenoptik recht ausgefallen und erinnert mich ein wenig an den Anzug, den Nucky Thompson im Intro von Boardwalk Empire trägt. Keine schlechte Assoziation, wie ich finde. Passend dazu haben Sebastian und ich uns für einen goldenen Damast-Futterstoff entschieden.

Stil, Schnitt, Passform

Durch meine Vorliebe für Kuppenheimer und Leyendecker empfahl es sich entsprechende Illustrationen als Diskussionsgrundlage zu verwenden. Die Unterschiede zwischen den unten abgebildeten Anzügen und dem aktuellen Angebot in deutschen Kaufhäusern fallen nicht jedem ins Auge, doch sie sind für die Gesamtwirkung entscheidend.

Zunächst einmal ist das Jackettrevers deutlich breiter als heutzutage. Die Westen schließen sehr hoch, so dass kaum etwas von der Krawatte zu sehen ist. Aber auch die Jacketts schließen höher und wirken länger. Einerseits weil sie tatsächlich länger sind, andererseits weil die Schließknöpfe deutlich höher angesetzt sind, was wiederum das Revers verkürzt. Auffallend sind außerdem die hoch geschnittenen Armlöcher, die besonders viel Bewegungsfreiheit bieten und zu schlanken Ärmeln führen.

Werbeillustrationen des amerikanischen Modehauses Kuppenheimer

Werbeillustrationen des amerikanischen Modehauses Kuppenheimer. Die rechte Illustration ist außerdem von J.C. Leyendecker.

Außerdem verzichten wir bei der der Anzugjacke auf den Brustabnäher und starke Schulterpolster, da auch die Abbildungen natürliche Schulterpartien zeigen.

Die Hosen sind zwar ähnlich schlank geschnitten wie moderne Hosen, besaßen jedoch stets einen Umschlag. Diese Option wird uns vom Verkaufspersonal gerne ausgeredet, weil sie angeblich die Beine verkürzt.

Illustration aus dem Beobachter der Herren-Moden von 1920.

Illustration aus dem Beobachter der Herren-Moden von 1920.

Eine weitere Besonderheit, die ich im Anzug unterbringen wollte, ist ein sog. Belt Back. Also eine Art Gürtel im Jackettrücken. Die obige Abbildung zeigt mit der Illustration ganz rechts wie ein derartiger Jackettrücken aussieht. Diese Verarbeitungsweise ermöglicht eine besonders figurbetonte Passform an der Taille, gilt allerdings auch als sportlich.

Sebastian verwendet für den Schnitt das Einheits-System, welches auf dem System Roussel basiert und aus einem Schneiderhandbuch von 1920 stammt. Im Vorwort dieses Buchs heißt es so schön, dass „sich der ganze Kunstwert des Herrenanzuges einzig und allein in einem tadellos flotten und guten Sitz“ erschöpft. Man darf gespannt sein.

Still gestanden!

Nachdem ich diese ganzen Entscheidungen mithilfe von Sebastians Ratschlägen getroffen habe, nahm er dann Maß. Das Stillstehen klingt nach lästigem Pflichtprogramm, hat aber auch einige interessante Aspekte zutage gefördert. Abgesehen von meinen leicht hängenden Schultern, sind meine Haltung und mein Körper nicht 100% symmetrisch. Das ist kein Wunder, sondern der Normalfall. Denn das ist das Ergebnis von Angewohnheiten und äußeren Einflüssen. Je nachdem welcher Arbeit wir nachgehen, ob wir Rechts- oder Linkshänder sind, ob und welchen Sport wir machen verändert sich auch unser Körper. Nur die echte Maßschneiderei kann diesen kleinen Abweichungen von der Norm überhaupt anständig Rechnung tragen.

Sebastian Hoofs nimmt Maß. Die Kamera musste ich natürlich wieder weglegen, da die Handhaltung meine Gesamthaltung verzerrt.

Sebastian Hoofs nimmt Maß. Die Kamera musste ich natürlich wieder weglegen, da die Handhaltung meine Gesamthaltung verzerrt.

 

 

Im zweiten Teil der Reihe geht es um den Fertigungsprozess und die Anproben.

Im dritten Teil präsentiere ich euch das Endergebnis.

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