Klassische Herrenmode und das süße Leben.



Tradition vs. Polyester – Nachhaltigkeit und Stil

Während im Sommer die Hosen nicht kurz genug sein konnten, müssen wir uns aktuell gegen die Winterkälte rüsten. Der geneigte Erlebnisurlauber holt dafür seine Polyester-Funktionskleidung aus dem Schrank. Aber muss das wirklich sein? Traditionelle Kleidungsstücke aus natürlichen Materialien bieten eine Vielzahl an Möglichkeiten und Funktionen. Sie sind zudem stilistisch eine sichere Bank. Kunstfasern seien dagegen bequemer in der Pflege und praktischer, ist das gängige Argument. Ich möchte diese vermeintliche Nützlichkeit beleuchten und ein Plädoyer für Nachhaltigkeit, für Naturfasern und für guten Stil abgeben.

Schafe und Erdöl

Vergleichen wir die Materialien Wolle und Polyester. Hier könnte man zugunsten der Funktionskleidung einwenden: Immerhin kein auf Bequemlichkeit optimierter Jogginghosen-Schlabber-Look. Das stimmt zwar, aber wenigstens ist der in Jogginghosen verwendete Baumwoll-Jersey ein Naturfaserstoff. Polyesterstoffe werden in der Regel hergestellt, indem eine auf Erdöl basierende Kunststoffmasse geschmolzen, dann zu langen Fasern gesponnen und schließlich gewebt wird. Form und Dicke der Fasern sind dadurch sehr flexibel.

Der stilsichere Traditionalist trägt statt Kunstfasern aber lieber Stoffe aus Schafswolle, wie Tweed. Das ist streng genommen ein hangewebtes Tuch aus grobem Wollgarn. Die dicken Fäden machen das Tuch atmungsaktiv und widerstandsfähig. Kleidung aus Tweed ist somit nicht nur für Stoff-Liebhaber sprichwörtlich Balsam für die Augen, sondern enthält tatsächlich Lanolin. Diesen Bestandteil, der auch als Wollwachs bekannt ist, findet man ebenso in den meisten Wundheilsalben. Lanolin sorgt dafür, dass Wolle Wasser abweist – ganz ohne Erdöl und Polymere mit Esterfunktion.

Leckeres Mikroplastik

Ein weiterer positiver Aspekt von Naturfasern ist, dass sie biologisch abbaubar sind – denn jeder Waschmaschinengang spült etliche Fasern unserer Kleidung in unser Grundwasser und letztendlich in die Flüsse und Meere. Während Fasern aus Baumwolle oder Wolle sich bald zersetzen, können Kunstfasern das nicht. Sie landen unter anderem in den Mägen von Fischen und damit am Ende auf unserem Teller. Beim Gedanken an das weihnachtliche Essen mit Steinbeißer oder Weihnachtskarpfen vergeht mir da sofort der Appetit.

Junges Schaf im Snowdonia-Nationalpark in Nordwales

Junges Schaf im Snowdonia-Nationalpark in Nordwales.

Original schlägt Imitation

Dabei kann man selbst Windbreaker ohne Kunstfasern herstellen. Das Verfahren, um Wolle winddicht zu machen, nennt sich Walken und ist älter als die Bibel. Ein Ergebnis davon ist beispielsweise Walkloden. Das klingt ein bißchen wie Nordic Walking und der Schein trügt auch nicht – denn gewalkt wird traditionell mit den Füßen. Das Walking im Englischen und das Walken von Stoffen haben dieselben etymologischen Wurzeln: das Treten mit den Füßen. Wenngleich das klassische Walken von Wolle kein Spaziergang, sondern harte Arbeit ist. Beim Walken verfilzt die Wolle und verdichtet sich. Gewalkte Stoffe sind trotzdem atmungsaktiv. Eine Eigenschaft, die bei Produkten aus Plastikstoffen etwas besonderes zu sein scheint und entsprechend beworben wird. Wenn Hersteller nun die Eigenschaften von Naturfasern mit Synthetik nachahmen, sollte man sich durchaus fragen: Warum nicht gleich das natürliche Original?

Exkurs Kamm- und Streichgarn

Der Loden gehört, egal ob gewalkt oder ungewalkt, ebenso wie Tweed zu den Streichgarn-Geweben. Die Schafswolle wird im Gegensatz zu Kammgarn-Geweben dabei nicht fein ausgekämmt bevor man sie zu Garn spinnt und verwebt. So verbleiben kleine Knötchen und andere Unregelmäßigkeiten in den Fasern, die Loden und Tweed schließlich ihre charakteristische Optik verleihen. Es macht diese Stoffe außerdem fülliger als beispielsweise die erwähnten Kammgarn-Gewebe, die keine Unebenheiten mehr haben.

Absurde Kombinationen

Im Alltag begegnen einem dann oft Menschen, die Kleidungsstücke aus Wolle und Polyester kombinieren. Ich finde das stilistisch betrachtet fragwürdig und auch irgendwie absurd. Das klassische Beispiel sind Bankangestellte, die aufgrund der Kälte, über ihren Anzug aus feinster Wolle eine Funktionsjacke ziehen.

Um das zu erläutern noch ein kleiner Exkurs:
Der typisch deutsche Anzugträger ist meiner Erfahrung nach zahlenaffin und lässt sich im Kaufhaus von Schildchen verleiten, die in der Anzugjacke vernäht sind. Dort steht dann beispielsweise S160 oder Super 160. Das klingt wertvoll, aber was bedeutet das wirklich? Super 160 bedeutet, dass 160 Meter des verwendeten Garns ungefähr 1 Gramm wiegen. Es ist kein Synonym für Qualität, sondern steht lediglich für die Feinheit des Garns. Solch dünnen Stoffe haben ein paar Nachteile, vor allem knittern sie schneller und halten meist nicht warm.

Grauer, zweireihiger Wollmantel mit farblich abgesetztem Kragen aus Samt.

Grauer, zweireihiger Wollmantel mit farblich abgesetztem Kragen aus Samt.

Die fehlende Wärmedämmung des dünnen Anzugstoffes muss im Winter kompensiert werden – leider häufig durch eine Polyester-Jacke. Wer die Optik des Michelin-Männchens nicht scheut, wählt auch gerne eine Daunenjacke. Das Resultat ist eine stilistische Katastrophe. Billige Exemplare stinken nass schnell, da die enthaltenen Daunen häufig durch die Massenproduktion nicht richtig aufbereitet werden. Ganz abgesehen davon, dass den Tieren das Untergefieder bei lebendigem Leib ausgerupft wird.

Funktionsjacken sind obendrein oft zu kurz – kürzer als das Jackett des Anzugs. Dabei bedeutet „Jackett“ auch nur „Anzugjacke“. Man trägt also Jacke über Jacke.
Mein Rat: Entweder man wählt eine wärmere Anzugjacke, beispielsweise aus Tweed, oder zieht einen Wollmantel über das Jackett. Das sieht besser aus. Dabei ist das Zwiebelprinzip nicht nur gut für die Wärmeisolierung. Wenn die Schichten zueinander passen, verleiht es dem Outfit Tiefe. Mode-Fans sprechen im Englischen von „Layering“.

Das Fettnäpfchen

So viel erstmal zu Stoffen und Oberbekleidung – das Schuhwerk ist ein ebenso schwieriges Thema. Selbst wenn man von modischen Ausfällen absieht, wie der typisch deutschen Sandalen-Socken-Kombination, so dominieren auch am Fuß mittlerweile Mischungen aus synthetischen Materialien. Das einzig Gute daran: Man kann in kein Fettnäpfchen mehr treten. Einen Napf mit Fett, üblicherweise im Eingangsbereich, benötigt man nämlich nur, wenn man Lederschuhe trägt.

Leder, also durch Gerbung haltbar gemachte Tierhaut, benötigt ähnliche Pflege wie unsere menschliche Haut. Es muss sauber gehalten, genährt und gegen äußere Einflüsse geschützt werden. Wenn man das beachtet, hat man dafür ein ganzes Leben lang etwas vom Leder – egal ob Schuhe, Reisetasche oder Messerscheide.

Die Pflege mit Sattlerseife, Fett und Wachs klingt lästig, bringt jedoch auch etwas Meditatives mit sich. So mancher erhebt die Spiegelglanzpolitur sogar zu einem eigenen Hobby. Gute Lederschuhe sind rahmen- oder zwiegenäht und nicht verklebt. Das macht sie haltbarer und einfacher zu reparieren im Vergleich zu ihren synthetischen Gegenstücken. Ein klares Plus in Sachen Nachhaltigkeit.

Dunkelbraune Balmoral-Stiefel auf Treppe.

Dunkelbraune Balmoral-Stiefel. Foto von Kamerakata.

Fazit

Insgesamt kann man feststellen, dass Kunstfaser-Kleidung das Resultat technischer Innovationen ist. Diese sind häufig durch den Profisport motiviert. Es ist zwar naheliegend, dass man auf dem Weg zur Bestzeit das ideale Material wählt. Doch Wanderstiefel und extra wasserabweisende Parkas mit Fellkragen sind in Innenstädten ähnlich deplatziert wie SUVs und Geländewagen.

Es verhält sich damit ebenso wie beim Fahren eines Autos mit Einpark-Assistent, Scheibenwischer-Automatik und reduzierten Fahrtgeräuschen. Wir werden durch diese Innovationen von der Umwelt abgeschottet. Uns wird gern suggeriert, dass neu gleichbedeutend mit besser ist und dies automatisch traditionelle Herstellungsprozesse und Materialien ausschließt. Das ist mehr als bedauerlich und ich bin zumindest bei Kleidung eindeutig für eine Rückkehr zu unseren Wurzeln, um den Winter mit gutem Stil zu zelebrieren.

 

Beitragsbild von Anne Barth Photography

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2 Kommentare

  1. Julia 11. Februar 2019

    Ich verfolge Ihren Blog schon einige Zeit und kann Ihnen auch bei diesem Thema nur zustimmen: Kleidung aus natürlichen Materialien ist nicht nur nachhaltiger, sondern auch eleganter und schicker.

    Ich lasse an dieser Stelle gezielt außen vor, dass es gerade was die Auswahl angeht, durchaus einen Unterschied macht, ob man eine Frau oder ein Mann ist, wenn man klassische Mode bevorzugt.

    Als Student ist das Budget meist sowieso eher schmal, sodass man auf den Kauf eines hochwertigen Mantels oder (auf Platz eins der Wunschliste) einem Wetterfleck aus Loden einige Zeit hin sparen muss. Studiums- oder hobbybedingt braucht man aber teilweise früher wetterfeste, warme Kleidung.
    Mein derzeitiger (für mich selbst geschlossener) Kompromiss: Kleidung, die lange hält und sich noch relativ gut in den Stil der sonst getragenen Klamotten einreiht. In meinem Fall eine Kastanienfarbene Jagdjacke – leider auch aus synthetischen Materialien, aber zumindest nicht in grellbunten Farben.

    (Aus Interesse an dieser Stelle – wie steht es in Stilfragen um die allseits bekannten und gerne getragenen englischen Wachsjacken?)

    Was die Schuhe angeht – je nach Verwendung sind reine Lederschuhe nicht immer zweckgemäß. Konkret: bei langen Läufen durch den Wald, Tiefschnee oder bei Regen würden bei rahmengenähten Lederschuhen die Nähte immer Feuchtigkeit ins Innere des Schuhes ziehen. (Wenn der Schuh wirklich auf solche witterungstechnischen Extrembedingungen ausgelegt sein muss, bietet sich hier für den Winter doch eher ein gefütterter Gummistiefel an.)
    Wenn man eher in der Stadt unterwegs ist, steht natürlich einem rahmengenähten Lederstifel natürlich wenig im Weg.

    Letztlich ist es wohl sinnvoll, beim Kauf zu überlegen, welchen Ansprüchen die Kleidung gerecht werden muss und – sollte man notgedrungen auf Synthetik zurückgreifen – dort auf langlebige, dem sonstigen Kleidungsstil entsprechende Kleidungsstücke zurückzugreifen.

    • Jacobus Z! 25. März 2019

      Julia, um Ihre in Parenthese gestellte Frage zu beantworten: ich würde Wachsjacken nie zu einer ansonsten formellen Kleidung tragen, also z. B. nicht zu einem dunklen Anzug. Wachsjacken stammen, soweit ich weiß, ursprünglich aus der Seefahrt, werden aber seither vor allem mit einem ländlichen Lebensstil assoziiert. Deshalb passen sie am besten zu Materialien und Kleidungstypen, die ebenfalls rustikal sind. Also in die Richtung Tweed, gröbere Wolle, Loden, Cavalry Twill, Cord, Haferlschuhe, Lederhose, Janker, schwere Pullover, flache Tweedkappen, Deerstalker, Lodenhüte, Baschlikmützen, derbe Schuhe und Gummistiefel: dazu paßt eine Wachsjacke.

      Durchweg sieht man es bei uns natürlich anders im Straßenbild: so begegnet mir alle paar Tage ein geschäftiger Anwalt, der über seinem Anzug eine geradezu jungfräulich wirkende Barbour-Jacke trägt (natürlich mit „Barbour“-Anstecknadel – damit’s auch jeder mitkriegt). Es würde mich nicht wundern, wenn er sie über Nacht in einem Tabernakel aufbewahrt. Da paßt es dann gleich in doppelter Hinsicht nicht: denn ich finde Wachsjacken entfalten eigentlich erst dann ihren Charme, wenn sie schon etwas älter sind und etwas mitgenommen aussehen. Makellose Wachsjacken sind so wie makellose Lederhosen, wie ein Bergmann ohne Kohlenstaub im Gesicht oder wie ein kerniger Land Rover – mit Phantasialand-Aufkleber….

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