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Anzug für Anfänger – Ein Leitfaden

Du bist fasziniert von der Wirkung eines gut sitzenden Anzugs? Du möchtest selbst in die Welt der klassischen Herrenmode eintauchen? Du weißt nicht wo du anfangen sollst? Dann ist dieser Beitrag für Dich.

Passform

Die wichtigste Eigenschaft eines Anzugs ist die Passform. Qualität und Preis sind zweitrangig, denn der hochwertigste und teuerste Anzug sieht schlimm aus, wenn er Dir nicht passt. Dabei ist es wichtig, dass der Anzug an Dir gut aussieht und nicht an einer Schaufensterpuppe und nicht an irgendeinem Typen auf Instagram. Eine gute Passform bedeutet:

  1. Das Jackett darf auf gar keinen Fall spannen, wenn Du es zuknöpfst.
  2. Das Jackett sollte so lang sein, dass es ungefähr Dein Gesäß bedeckt. Nicht mehr und nicht weniger.
  3. Zwischen dem Kragen des Jacketts und Deinem Hemdkragen darf kein Spalt zu sehen sein (sog. Collar Gap).
  4. Die Schulterweite des Jacketts (von Schulternaht zu Schulternaht) sollte Deiner Schulterweite entsprechen. Nicht mehr und nicht weniger.
  5. Deine Hemdärmel müssen bis zu deinem Daumenansatz reichen und es muss mindestens 1cm, höchstens 3cm vom Ärmel aus dem Jackettärmel herausgucken.
  6. Die Hose darf nirgendwo spannen. Sie muss so weit sein, dass die Bügelfalte gerade herunterfällt wenn Du gerade stehst.
  7. Die Hose sollte Deine Schuhe gerade eben berühren +/- 2cm. Es darf kein Stoffhaufen auf dem Schuh entstehen.
Klassischer, dunkelgrauer Zweireiher von SuitSupply* mit breitem Revers und Nadelstreifen.

Qualität, Stil, Proportionen

Erst nach der Passform solltet ihr auf Verarbeitungsqualität, Stil und Proportionen achten. Kurz zusammengefasst bedeutet das folgendes.

Vermeidet Anzüge mit Kunstfaseranteil. Polyester ist ein verbreitetes Material für hochwertige Sportkleidung. In der klassischen Herrenmode wird Polyester allerdings ausschließlich dafür verwendet um den Preis des Stoffs zu drücken. Das heißt es handelt sich um billige Plastikfasern, die wirken als hätte man euch in Frischhaltefolie eingewickelt. Finger weg! Greift zu 100% Wolle, Leinen, Seide, Baumwolle oder einer Mischung aus diesen Naturfasern. Das Futter sollte aus Viskose (recycelte Naturfaser) sein.

„Ich habe nicht die richtige Figur für einen Anzug“ ist einer der häufigsten Sätze, die ich im Rahmen klassischer Herrenmode höre. Ich halte ihn für totalen Quatsch. Betrachtet man die letzten 100 Jahre Anzuggeschichte, dann ist für jeden Geschmack und jeden Körpertyp etwas dabei. Ihr seid groß und schlank? Schaut euch mal die Mode der frühen 1920er Jahre an. Ihr seid sehr sportlich? Seht euch die V-Silhouette der 1930er näher an. Ihr seid sehr kompakt gebaut? Zieht einen Zweireiher im Boxy-Look der 1950er in Betracht.

Ein paar weitere hilfreiche Stiltipps: Ein hoher Hosenbund verlängert optisch eure Beine und kaschiert euren Bauch. Schmale Krawatten sehen schnell aus wie eine Hundeleine, insbesondere auf einer breiten Brust. Ein schmales Revers steht nur schlanken Menschen, mit einem breiten Revers kann man dagegen nichts falsch machen. Ein großes Gesicht kaschiert man am besten mit großen Kragenschenkeln und nicht mit einem großen Krawattenknoten oder einem Haifischkragen.

Kleiner Krawattenknoten, große Kragenschenkel und breites Revers eines Zweireihers
Kleiner Krawattenknoten, große Kragenschenkel und breites Revers eines Zweireihers

Praktische Tipps

Einen guten Stil entwickelst Du nicht von heute auf morgen. Dieser Prozess erfordert Zeit, viele Versuche und ist eigentlich nie wirklich abgeschlossen. Nichtsdestotrotz gibt es einige Punkte, die man von Anfang an beherzigen sollte:

  • Krawattenklammern sind in Deutschland (und zwar nur hier) ausgesprochen verpönt. Tragt sie nur, wenn ihr euch wirklich sicher seid und mit den Kommentaren Anderer zurechtkommt.
  • Schwarze Anzüge sind in Deutschland dagegen sehr beliebt, zeugen aber von einer gewissen Einfallslosigkeit. Abgesehen von Smoking und Beerdigungen, würde ich vom schwarzen Anzug eher absehen.
  • Auch schwarze Hemden zeugen nicht gerade von Kreativität und ich kann Anfängern nur davon abraten.
  • Ein simples, weißes Einstecktuch im Jackett wertet jeden Anzug auf.
  • Verzichte auf große oder außergewöhnliche Krawattenknoten. Der Four-in-Hand ist alles was du brauchst.
  • Der schönste Anzug wird durch hässliche Schuhe versaut, also spart bitte nicht an guten Schuhen. Rahmengenähte Schuhe sind eine gute, langfristige Investition.
Links: Schwarzer Captoe-Oxford Rechts: Schwarze Stillosigkeit
Links: Schwarzer Captoe-Oxford Rechts: Schwarze Stillosigkeit

Was für einen Anzug brauche ich?

Das kommt darauf an. Es kommt darauf an wofür du den Anzug benötigst, welches Budget du hast und wie häufig du Anzug trägst. Wenn Du ihn selten brauchst und dich nicht festlegen kannst ob er der Anlass ein Vorstellungsgespräch, eine Hochzeit oder eine gehobene Abendveranstaltung ist, dann brauchst du einen möglichst vielseitigen Anzug. Dieser Allzweck-Anzug ist am besten einfarbig dunkelgrau oder nachtblau, dreiteilig und aus einem mittelschweren Wollstoff (kein Leinen, keine Baumwolle, kein Tweed).

Wenn Du regelmäßig Anzug trägst, empfehle ich wenigstens drei Anzüge: Einen für den Sommer, die vorgenannte Allzweckvariante für das ganze Jahr und einen Anzug für den Winter. Dabei darf der Sommeranzug etwas heller (Mittelgrau, Mittelblau) sein und Brauntöne sind dann auch eine Option. Mutige dürfen es dann auch mit dezenten Mustern versuchen. Als Material kommen leichte Wollstoffe, Leinen und Baumwolle infrage. Mehr zum Thema Sommeranzug findet ihr hier. Der Anzug für den Winter sollte weiterhin eher gedeckte Farben haben, darf aber auch leicht gemustert sein. Als Material bieten sich Flanell und vor allem Tweed an.

Dunkelblauer Tweed-Dreiteiler
Dunkelblauer Tweed-Dreiteiler von Hockerty*

Du trägst sehr oft Anzug? Du brauchst einen Anzug für einen ganz speziellen Anlass? Dann sind deiner Kreativität keine Grenzen gesetzt. Am besten du schaust dich in meinem Blog um. Du findest hier z.B. Inspiration für Deine Vintage-Hochzeit oder 1920er Mottoparty. Noch mehr Fotos findest du auf meinem Instagram-Kanal:


Wo bekomme ich diesen Anzug her?

Gute Anlaufstellen für Anfänger sind SuitSupply*, John Crocket, Hockerty*, Luxire. Lasst auf jeden Fall die Finger von Fast Fashion wie H&M und Zara oder Marken wie Hugo Boss und S. Oliver. Ihr unterstützt damit furchtbare Bedingungen für Arbeitnehmer und das Preis/Leistungsverhältnis dieser Hersteller ist grottenschlecht – auch mit Rabatt oder im Outlet. Wirklich. Lasst die Finger davon.

Darüber hinaus kann ich Euch den Kauf von Second-Hand-Kleidung sehr empfehlen. Ich wohne in Köln und kenne daher nicht die besten Anlaufstellen in eurer Stadt. Geht selbst auf die Suche nach Flohmärkten, Sozialkaufhäusern und Vintage-Shops. In meiner Stadt sind da z.B. Humana, Pick’n’Weight und die fairstores erwähnenswert. Online gibt es außerdem eBay, eBay Kleinanzeigen und Vinted (früher Kleiderkreisel).

Für speziellere Wünsche kann ich euch meine Händler- und Herstellerliste ans Herz legen. Dort findet ihr weiter unten auch Online-Shops für Vintage-Herrenmode. Bei weitergehenden Fragen, könnt ihr mich übrigens gerne auf meinem Twitch-Kanal besuchen wo ich regelmäßig livestreame und euch gerne eure Fragen beantworte: https://twitch.tv/vintagebursche

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